Kulturdenkmal - Verwaltungsgebäude Landespolizeidirektion

Der südöstliche Rand des Petersberges, das ehemalige Vorfeld der Zitadelle, wurde nach deren Entfestigung 1873 zum Standort von Justizgebäuden.
Für das 1879 am Domplatz vollendete Gerichtsgebäude einschließlich Gefängnisbau von 1880 an der Andreasstraße war in den 1930er Jahren eine Erweiterung notwendig geworden.
Zu diesem Zweck ließen die preußischen Behörden 1937-39 nördlich des Gefängnisses an der Andreassstraße ein Verwaltungsgebäude errichten.
Dem ursprünglich sehr nüchternen Entwurf des Architekten Wilhelm Pook wur­den nach Intervention des preußischen Justizministeriums neobarocke Elemente hinzugefügt.
Nach dem Beginn des Krieges blieb der Bau wohl unvollendet liegen und wurde erst danach für das Wirtschaftsministerium des Landes Thüringen, dessen Hauptstadt Erfurt damals geworden war, fertiggestellt. Darauf bezieht sich die In­schrift „1949" über dem Hauptportal.

Der sehr langgestreckte Baukörper des viergeschossigen Mauerwerksbaues mit Stahlbetondecken ist symmet­risch gegliedert, sowohl die drei mittleren Achsen als auch die Achsen in den Viertelspunkten der Fassade sind mit Pilastergliederungen und einem Säulenportikus ähnlich wie Risalite gegliedert. Auch die anderen Fenster­achsen sind durch schlichte Gliederungen sparsam gestaltet: Die Erdgeschossfenster sitzen gemeinsam mit denKellerfenstern in einem Blendfeld, das oben durch einen profilierten Sturz abgeschlossen wird, die Fenster der oberen Geschosse sind mit einer schmale Putzfasche eingefasst. An den Fenstergrößen sind auch die hierar­chisch gestaffelten, unterschiedlichen Geschosshöhen ablesbar, das erste Obergeschoss zeigt die höchsten Fenstern, nach oben und unten nimmt die Fensterhöhe ab. Das gesamte Gebäude wird an der Traufe von einem Kon­solfries umzogen.

Beidseitig flankieren massige, etwas vorgestellte achteckige Ecktürme den Haupttrakt, die einschließlich ihrer Detailgestaltung wesentlich für das neobarocke Erscheinungsbild verantwortlich sind. Die Türme sind mit ei­ nem genuteten Sockelverputz, einer (geputzten) Eckquaderung sowie einer geschweiften Haube mit Ovalfens­tern und Laterne versehen. Den Hauptflügel überdeckt ein einfaches, ursprünglich verschiefertes Satteldach. An der Nordseite ist noch ein bauzeitliches Kastenfenster vorhanden, alle anderen Fenster sind in Aluminium in den 1980er Jahren eingebaut worden.

Im Inneren besitzt das Gebäude eine klare Struktur sowie eine schlichte und gleichzeitig repräsentative Gestal­tung. Die Geschosse werden durch Mittelflure erschlossen und sind durch drei Treppenhäuser, ein größeres in der Mitte und je ein kleineres an den Gebäudeenden, verbunden.
Ausgangspunkt der Erschließung ist im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss jeweils ein Foyer, von dem das zweiläufige mittlere Treppenhaus ausgeht. Auffällig ist das kräftig ausgebildete gitterförmige Holzgeländer dieser Mitteltreppe, bei den seitlichen Treppenhäusern führt ein ornamentiertes Bandstahlgeländer um das Trep­penauge. Die Flure und die Steintreppen sind mit Natursteinplatten, vorwiegend Kalkstein, ausgelegt.
Die Foyers sind mit kassettierten oder runden Deckenfeldern dekoriert, im oberen befinden sich zwei künstle­risch gestaltete Metallraumteiler, wohl aus den l 980er Jahren.
Sowohl die Durchgänge und Blendnischen im unteren Foyer als auch die Türnischen der Obergeschosse schlie­ßen oben rundbogig ab, letztere besitzen über der Tür ein Oberlicht mit Radialsprossen. Die Türen stammen mehrheitlich aus den l 970/80er Jahren, einzelne bauzeitliche wie eine Pendeltür im oberen Flur sind aber noch vorhanden.

Am südlichen Ende des Gebäudes schließt sich, über eine geschlossene Brücke am ersten 0bergeschoss ver­bunden, ein Saalbau nach Westen an. Er wurde wohl erst gegen Ende der l950er Jahre in den Formen der „Na­tionalen Traditionen" hier errichtet. Sein Untergeschoss enthält Garagen und Wirtschaftsräume, das obere Ge­schoss wird vollständig vom Saal eingenommen. An beiden Langseiten belichten sieben große hochrechteckige Fenster den Raum, der an seiner Westseite über eine leicht erhöhte Bühne verfügt. Die Wände sind durch ge­stufte Pfeiler bzw. Blendfelder gegliedert, die Decke durch eine profilierte Voute. Die Raumecken sind rund ausgebildet. Als Bodenbelag hat man Parkett im Fischgrätenmuster verlegt, das von einem Rahmen im Schachbrettmuster eingefasst wird.                                                                                            
Das Gebäude wurde ab 1952 als Polizeidienststelle genutzt, gegen Ende der l 950er Jahre von der Bezirksver­waltung Erfurt des Ministeriums für Staatssicherheit übernommen und als solche bis 1990 genutzt. Eine beson­dere Bedeutung für die jüngste Geschichte hat das Haus dadurch, dass es am 4. Dezember 1989 als erstes Ob­jekt der Staatssicherheit durch Bürgerinnen und Bürger besetzt und damit die begonnene Aktenvernichtung gestoppt wurde. Eine Gedenktafel weist auf dieses Ereignis hin.

Das Verwaltungsgebäude ist mit seiner Bau- und Nutzungsgeschichte ein Sachzeugnis der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und der gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit, architektonisch ein charakteristischer Vertreter preußischer Staatsarchitektur im Nationalsozialismus. Aufgrund seiner Nutzung durch die Staatssicherheit der DDR, vor allem aber als ein wichtiger Ort der "friedlichen Revolution" von 1989 ist es auch ein Zeugnis jüngster deutscher Geschichte.
Der Bau ist ein bedeutender Vertreter der Verwaltungs- und Staatsarchitektur der I 930er bis l 950er Jahre, his­torische Gestaltung und Bauelemente sind außen und im Inneren weitgehend authentisch erhalten und können so die Intentionen der Bauherren nachvollziehbar machen.

 

Text: Christian Misch, TLDA, 2012

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